Die Gießereiindustrie spielt eine zentrale Rolle in der modernen Technik. Ihre Zukunft hängt jedoch nicht nur von Maschinen, Werkstoffen und der Marktdynamik ab, sondern auch von den Menschen, ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten und der sie umgebenden Unternehmenskultur.
Derzeit befindet sich die Branche an einem entscheidenden Wendepunkt. Sie liefert wesentliche Komponenten für Sektoren wie Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Verteidigung, Mobilität, Maschinenbau und Energie. Ohne Präzisionsgussteile wären viele fortschrittliche Anwendungen – von Turbinensystemen über medizinische Implantate bis hin zu sicherheitskritischen Technologien – nicht realisierbar. Trotz dieser Bedeutung ist die Branche in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, und diese mangelnde Sichtbarkeit wird zu einer zunehmenden Herausforderung.
Während des 34. EICF in Sevilla hielt die Psychologin und Executive Coach Dr. Sharon Grossman aus Florida eine Keynote vor internationalen Vertretern der Feingussindustrie und bot dabei eine direkte und anregende Perspektive auf diese Herausforderungen.
Zukünftige Herausforderungen in der Gießereiindustrie: Fachkräfte, Sichtbarkeit und Kompetenzentwicklung
Die Gießereiindustrie steht vor einer entscheidenden Transformationsphase. Ihr langfristiger Erfolg wird weniger von der Technologie allein als vielmehr von den Menschen abhängen – insbesondere von der Gewinnung von Talenten, der Kompetenzentwicklung und der Sicherung von Wissen.
Ein zentrales Thema des Vortrags von Dr. Sharon Grossman war die wachsende Herausforderung, neue Talente für die Gießereiindustrie zu gewinnen. Während erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand gehen, fühlen sich jüngere Generationen zunehmend zu sichtbareren Branchen wie IT, Beratung oder modernen Handwerksberufen hingezogen.
Das Kernproblem ist nicht die Relevanz, sondern die Wahrnehmung. Die Gießereiindustrie spielt eine entscheidende Rolle in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Energiesysteme, Mobilität und Verteidigung. Dieser Beitrag ist für potenzielle Neueinsteiger jedoch oft nicht sichtbar.
Um dem entgegenzuwirken, müssen Unternehmen ihre Präsenz bereits früh im Bildungsweg stärken – über Schulen, Hochschulen, Berufsausbildungsprogramme, digitale Plattformen und strukturierte Initiativen zur Berufsorientierung. Eine größere Sichtbarkeit ist unerlässlich, um die langfristige Nachhaltigkeit der Arbeitskräfte zu gewährleisten.
Eine weitere wichtige Botschaft war die Notwendigkeit einer stärkeren Kommunikation über die konkreten Auswirkungen der Branche auf die Gesellschaft. Junge Fachkräfte lassen sich zunehmend von Sinn und Bedeutung ihrer Arbeit motivieren. Anstatt sich ausschließlich auf Produktionsprozesse und Werkstoffe zu konzentrieren, muss die Branche ihre Rolle bei der Ermöglichung von Technologien wie Robotik, nachhaltiger Mobilität, Innovationen in der Luft- und Raumfahrt, medizinischen Implantaten und Systemen für die Energiewende hervorheben. Indem die Gießereiindustrie nicht mehr als traditioneller Fertigungszweig, sondern als Hightech-Enabler betrachtet wird, kann die Branche ihre Attraktivität als Arbeitgeber deutlich steigern.
Die sich vergrößernde Qualifikationslücke bleibt eine große strukturelle Herausforderung. Viele spezialisierte Kompetenzen im Gießereibereich werden in den üblichen ingenieurwissenschaftlichen oder technischen Ausbildungsgängen nicht vollständig abgedeckt. Infolgedessen benötigen selbst hochqualifizierte Absolventen oft eine umfassende Einarbeitung, um die branchenspezifischen Anforderungen zu verstehen.
Um diese Lücke zu schließen, gewinnen strukturierte Ausbildungssysteme zunehmend an Bedeutung. Dazu gehören interne Akademien, Mentoring-Programme, Partnerschaften mit Bildungseinrichtungen, praxisorientierte Lernangebote, bereichsübergreifende Fortbildungsinitiativen und kontinuierliche berufliche Weiterentwicklung.
Solche Ansätze sind nicht nur für den Kompetenztransfer unerlässlich, sondern auch für den Erhalt des über Jahrzehnte gewachsenen Branchen-Know-hows.
Eine Unternehmenskultur schaffen, um die Zukunft der Gießereiindustrie zu sichern
Führungskompetenz hat sich als entscheidender Erfolgsfaktor herausgestellt. Hochqualifizierte technische Fachkräfte werden häufig ohne ausreichende Vorbereitung in Führungspositionen befördert. Führung im heutigen Gießereiwesen kann sich jedoch nicht mehr in erster Linie auf Anweisungen und Kontrolle stützen; sie erfordert zunehmend klare Kommunikation, konstruktives Feedback, Mitarbeiterentwicklung, Vertrauen und die aktive Einbindung von Teams.
Ebenso wichtig ist der Wissenstransfer. In vielen Unternehmen verbleibt entscheidendes Prozess-Know-how weitgehend bei erfahrenen Mitarbeitern. Ohne systematische Dokumentation und Weitergabe geht dieses Wissen verloren, wenn Mitarbeiter in den Ruhestand treten. Um dies zu verhindern, benötigen Unternehmen strukturierte Methoden zur Sicherung von Fachwissen, wie beispielsweise Videodokumentation, Prozesshandbücher, Mentoring-Programme, Job-Shadowing, digitale Wissenssysteme und den gezielten Einsatz KI-gestützter Tools.
Eine zentrale Botschaft der Keynote war, dass die Sicherung der Zukunft auch eine kulturelle Aufgabe ist. Unternehmen müssen Arbeitsumgebungen fördern, in denen Menschen bleiben, sich weiterentwickeln und Verantwortung übernehmen wollen. Als praktisches Beispiel stellte Dr. Grossman den Einsatz kurzer täglicher Teambesprechungen vor, die oft als „Huddles“ bezeichnet werden. Diese kurzen Sitzungen unterstützen die Anerkennung der Mitarbeiter, helfen dabei, die Stimmung im Team einzuschätzen, fördern die kontinuierliche Verbesserung, gehen frühzeitig auf operative Herausforderungen ein und erhöhen die Transparenz hinsichtlich der Leistung.
Die Empfehlung an die Branche war bewusst pragmatisch: Man solle nicht versuchen, groß angelegte Veränderungen auf einen Schlag umzusetzen. Stattdessen solle man mit einem Team beginnen, neue Ansätze über einen Zeitraum von 90 Tagen testen, die Ergebnisse auswerten und das, was sich als wirksam erweist, ausweiten.
Insgesamt war die Botschaft klar: Die Gießereiindustrie muss ihren Wert sowohl nach außen hin – um Talente und Kunden zu gewinnen – als auch nach innen – um das Engagement von Mitarbeitern und Führungskräften gleichermaßen zu stärken – effektiver kommunizieren. Unternehmen, denen es gelingt, Mitarbeiter zu gewinnen, Wissen zu bewahren und ihre Kultur bewusst zu gestalten, sichern nicht nur ihre eigene Zukunft, sondern stärken auch die langfristige Widerstandsfähigkeit der gesamten Branche.