Seit seinem Amtsantritt als CEO der Bühler-Gruppe Anfang 2026 baut Samuel Schär auf mehr als 24 Jahren Erfahrung im Unternehmen auf, darunter über zehn Jahre als Mitglied der Konzernleitung. Er betrachtet seine Ernennung nicht als herkömmlichen Führungswechsel, sondern als natürliche Fortsetzung der tief verwurzelten Unternehmenskultur von Bühler.
Ein starker Fokus auf Kontinuität prägt seit jeher das Handeln von Bühler. Das mittlerweile 166 Jahre alte Unternehmen befindet sich nach wie vor in Familienbesitz und wird in der fünften Generation geführt. Schär ist der siebte CEO in der Geschichte von Bühler und erst der dritte, der nicht aus der Gründerfamilie stammt. Diese langfristige Perspektive spiegelt sich gleichermaßen in den Beziehungen des Unternehmens zu seinen Kunden wider. Rund 70 Prozent der Kunden von Bühler sind Familienunternehmen, von denen viele bereits über mehrere Generationen hinweg mit dem Unternehmen zusammenarbeiten. Daher wird es als besonders wichtig erachtet, zu verstehen, wie diese Unternehmen Entscheidungen treffen, investieren und für die Zukunft planen – insbesondere in einer Zeit tiefgreifender industrieller Veränderungen.
Wie sich die weltweite Druckgussindustrie weiterentwickelt
Das Interview verdeutlicht, dass die globale Druckgussindustrie eine Phase tiefgreifender Veränderungen durchläuft. Der Markt steht zwar unter erheblichem Druck, eröffnet aber gleichzeitig neue technologische und wirtschaftliche Perspektiven. Nach Ansicht von Bühler muss sich die Branche nicht nur durch technologische Innovationen anpassen, sondern auch durch einen Wandel ihrer Strukturen und ihrer Unternehmenskultur.
Der Markt hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Im konventionellen Segment für Maschinen mit kleiner und mittlerer Schließkraft haben viele Regionen weiterhin mit Überkapazitäten und zurückhaltender Investitionstätigkeit zu kämpfen. Gleichzeitig hat die Nachfrage nach großen Strukturgussanwendungen rapide zugenommen, was in erster Linie auf den Aufstieg der Elektromobilität und den Bedarf an neuen Fahrzeugarchitekturen auf Basis hochintegrierter Strukturbauteile zurückzuführen ist. Infolgedessen ersetzen große Front- und Heckunterbodengussteile, Batteriegehäuse und andere komplexe Strukturbauteile zunehmend Baugruppen, die aus zahlreichen Einzelteilen bestehen. Dieser Trend treibt weltweit den Übergang zu Mega- und Gigacasting-Technologien voran.
Bühler hat diese Entwicklung frühzeitig erkannt und im Jahr 2019 Maschinen mit Schließkräften von mehr als 4.400 Tonnen auf den Markt gebracht. Seitdem hat das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 50 dieser Großanlagen mit einem Gesamtwert von über 500 Millionen Schweizer Franken verkauft. Aus strategischer Sicht war diese Expansion in das Segment der großen Strukturgussteile entscheidend. Ohne sie wäre das Druckgussgeschäft von Bühler angesichts stagnierender Fahrzeugproduktionszahlen unter weitaus größeren Druck geraten.
Effizienz statt Größe: Ein Wandel bei den Prioritäten im Druckguss
Bei Bühler wird die Zukunft des Druckgusses nicht als ein bloßer Wettlauf um immer größere Maschinen betrachtet. Stattdessen betont Schär, dass langfristiger Erfolg weniger von der Maximierung der Maschinengröße abhängt als vielmehr von der Fähigkeit, Bauteile wirtschaftlich, zuverlässig und effizient herzustellen.
Mit zunehmender Größe der Maschinen und Anlagen steigt auch die Komplexität der damit verbundenen Prozesse. Peripheriegeräte, Robotik, Logistik und Prozesssteuerung werden immer anspruchsvoller. Aus diesem Grund verfolgt Bühler einen anderen Weg als einige seiner Wettbewerber. Anstatt sich ausschließlich auf die Vergrößerung der Maschinen zu konzentrieren, legt das Unternehmen den Schwerpunkt darauf, die Produktion großer, hochwertiger Strukturbauteile auf vergleichsweise kleineren Anlagen zu ermöglichen. Erreicht wird dies durch intelligente Prozesssteuerung, optimierte Werkzeuge, fortschrittliche Legierungen und Technologien wie das Rheogießen. Aus Sicht von Bühler stellt dieser Ansatz langfristig die wirtschaftlich nachhaltigere Lösung dar.
Das Interview unterstreicht zudem, wie das Gießen großer Strukturteile die allgemeine Marktlandschaft verändert. Investitionen in moderne Megacasting-Zellen erfordern erhebliches Kapital und sind oft nur für OEMs oder finanzstarke Tier-1-Zulieferer realisierbar. Gleichzeitig entwickeln sich die Lieferkettenstrukturen weiter: Aufgrund der Größe und der Handhabungsbeschränkungen großer Strukturgussteile werden Transport und Lagerung zunehmend schwieriger, was dazu führt, dass die Produktion näher an die Fahrzeugmontagestandorte verlagert wird.
Infolgedessen verändert sich die Rolle traditioneller Gießereien. Für mittelständische, familiengeführte Druckgussunternehmen, die mit konventionellen Maschinenparks arbeiten, könnte es zunehmend schwieriger werden, im Megacasting-Segment zu bestehen, während Erstausrüster und große Zulieferer nach und nach selbst direkt in diese Technologie investieren.
Wie Chinas Tempo die globalen Märkte neu prägt
Bühler beobachtet aufmerksam die Entwicklungen in China, wo in den letzten Jahren erhebliche Investitionen in neue Produktionsanlagen und groß angelegte Gusskapazitäten getätigt wurden. Der Markt zeichnet sich durch ein bemerkenswertes Tempo und eine starke Investitionsbereitschaft aus, auch wenn er gleichzeitig von erheblichen Überkapazitäten und einem intensiven Wettbewerbsdruck geprägt ist.
Trotz dieser Herausforderungen betrachtet Bühler China als wichtigen Motor für technologischen Fortschritt und industrielle Dynamik, der der globalen Industrie wertvolle Impulse und Erkenntnisse liefert.
Über die Automobilbranche hinaus
Trotz der anhaltenden Schwäche auf dem europäischen Markt sieht Bühler die langfristigen Aussichten für den Druckguss weiterhin positiv. Über strukturelle und großvolumige Gussanwendungen hinaus sieht das Unternehmen zusätzliche Wachstumschancen bei hochbelasteten Bauteilen wie Fahrwerksteilen, Bremssätteln und Rädern.
Mit Blick auf die fernere Zukunft könnten sich auch völlig neue Anwendungsfelder außerhalb der traditionellen Automobilindustrie ergeben, darunter humanoide Robotik und Drohnen. Sobald die Produktionsmengen in diesen Sektoren eine ausreichende Größenordnung erreichen, dürfte der Druckguss von seinen wirtschaftlichen Stärken als hocheffizientes Fertigungsverfahren profitieren.
Künstliche Intelligenz als entscheidender Faktor im Druckguss
Ein weiteres zentrales Thema der Diskussion ist die zunehmende Bedeutung von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz. Bühler sieht in der KI erhebliche Chancen für die zukünftige Entwicklung des Druckgusses. KI-basierte Systeme werden bereits zur Unterstützung der Form- und Werkzeugkonstruktion eingesetzt, indem sie eine präzisere Simulation thermischer Prozesse ermöglichen und dazu beitragen, Ausschussquoten zu senken. Noch größeres Potenzial wird in den Bereichen Prozesssteuerung und Anlagenüberwachung erwartet.
Der Druckguss ist nach wie vor ein komplexer und mitunter instabiler Prozess, der stark vom Fachwissen der Bediener abhängt. Gleichzeitig stellen der demografische Wandel und der Arbeitskräftemangel Gießereien weltweit vor wachsende Herausforderungen. In diesem Zusammenhang könnten KI-gesteuerte Assistenzsysteme dazu beitragen, Produktionsprozesse zu stabilisieren, Fehler frühzeitig zu erkennen und eine vorausschauende Instandhaltung zu ermöglichen. Langfristig zielt die Vision auf eine schrittweise Umstellung auf eine hochautomatisierte „Knopfdruck-Produktion“ ab, auch wenn dieser Automatisierungsgrad noch in weiter Ferne liegt.
Mehr Mut in Europa
Mit Blick auf Europa sendet Schär eine klare Botschaft: Die Branche muss sich durch Innovation und technologische Führungsstärke auszeichnen. Die Aufträge werden nicht einfach von selbst zurückkehren, da sich die Branche derzeit in einer Konsolidierungsphase befindet. Unternehmen, die langfristig wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen sich durch Technologie von der Masse abheben.
Er weist zudem auf die zunehmend schwierigen industriellen Rahmenbedingungen in Europa hin. Insbesondere Deutschland profitiert zwar weiterhin von hochqualifizierten Ingenieuren und Technikern, hat jedoch oft Schwierigkeiten, diese Stärken in global wettbewerbsfähige Industriestrukturen umzusetzen.
Schär legt besonderen Wert auf die kulturellen Dimensionen der Wettbewerbsfähigkeit. Er betont wiederholt, dass Europa mehr unternehmerischen Ehrgeiz und eine stärkere Leistungsbereitschaft braucht, wenn es seine internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten will. Aus seiner Sicht veranschaulichen Beispiele wie die Reaktion der Bühler-Mitarbeiter nach dem Schweizer-Franken-Schock im Jahr 2015 oder die Mitarbeiter in China, die während der COVID-19-Lockdowns freiwillig in den Fabriken blieben, um die Produktionskontinuität zu gewährleisten, unterschiedliche Denkweisen und Arbeitskulturen.
Laut Schär ist Europa technologisch nach wie vor voll leistungsfähig, muss aber die Wettbewerbsfähigkeit mit derselben Entschlossenheit und Konsequenz verfolgen, wie sie in anderen Regionen der Welt zu beobachten ist. Insgesamt zeichnet der Bühler-CEO ein differenziertes, aber keineswegs pessimistisches Bild der Branche. Der Druckguss durchläuft einen historischen Wandel. Elektromobilität, Megacasting, neue Werkstoffe, Digitalisierung und künstliche Intelligenz gestalten Technologien, Marktstrukturen und Geschäftsmodelle grundlegend neu.
Gleichzeitig entstehen neue Anwendungsbereiche und Wachstumsmärkte. Für Unternehmen wie Bühler wird der langfristige Erfolg davon abhängen, Innovationen kontinuierlich voranzutreiben, Prozesse intelligenter zu gestalten und sich durch Technologie klar von der Konkurrenz abzuheben. „Die Zukunft des Druckgusses ist noch lange nicht vorbei“, fasst Samuel Schär zusammen. „Aber sie wird anspruchsvoller, internationaler und innovationsgetriebener sein als je zuvor.“
Über die Bühler Group
Die Bühler-Gruppe ist eines der weltweit führenden Technologieunternehmen im Bereich Druckgussanlagen und Prozesslösungen für die Metall- und Automobilindustrie sowie im Bereich der Lebensmittel- und Futtermittelverarbeitungstechnologien. Das Schweizer Familienunternehmen entwickelt und fertigt hochautomatisierte Druckgussmaschinen, Peripheriesysteme und digitale Lösungen, die bei der Herstellung komplexer Leichtmetallbauteile zum Einsatz kommen.
Ein zentraler Schwerpunkt der Bühler-Gruppe liegt auf Struktur- und Großgussanwendungen für den Automobilsektor. Das Unternehmen gilt als einer der technologischen Vorreiter im Bereich des Mega- und Gigagusses und liefert seit 2019 große Gussmaschinen mit Schließkräften von mehr als 4.400 Tonnen.
Weltweit profitiert die Bühler-Gruppe insbesondere vom anhaltenden Wandel der Automobilindustrie hin zur Elektromobilität. Parallel dazu identifiziert das Unternehmen weitere Wachstumschancen in aufstrebenden Anwendungsbereichen wie Fahrwerkskomponenten, Rädern, Robotik und Drohnentechnologien.
Durch die Kombination aus Maschinenbaukompetenz, Automatisierung, Digitalisierung und internationaler Marktpräsenz gilt die Bühler-Gruppe weithin als einer der wichtigsten Innovationstreiber in der globalen Druckgussindustrie.