Für die deutsche Wirtschaft besteht bis Ende März keine unmittelbare Rezessionsgefahr. Allerdings ist das Konjunkturbild im Moment sehr uneinheitlich, verschiedene Frühindikatoren widersprechen einander in ihren Tendenzen. Das zeigt das neue Rezessions-Frühwarnsystem, das das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellt. "Die wirtschaftliche Entwicklung führt über sehr dünnes Eis. Direkt voraus signalisiert unser Konjunkturindikator aktuell keine klaffenden Löcher, aber nach wie vor große Unsicherheit", sagt Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK.
Das Institut wertet mit seinem neuen Konjunkturradar zahlreiche auf die Zukunft gerichtete Daten aus Realwirtschaft, Finanzwirtschaft sowie Stimmungswerte aus Befragungen aus. Dazu zählen unter anderem Auftragseingänge, Produktionswerte, die Zahl offener Stellen, verschiedene Zinsspreads, der CDAX Kursindex und der ifo-Geschäftsklimaindex. Auf dieser Grundlage errechnet das Frühwarnsystem die Wahrscheinlichkeit einer rezessiven Entwicklung für die folgenden ein, zwei und drei Monate.
Dabei verfolgen die Forscher einen innovativen Ansatz: Als Kriterium für eine Rezession wenden sie unter anderem die unter Wirtschaftswissenschaftlern gängige Definition zweier rückläufiger Quartale auf die Industrieproduktion an - und nicht auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Umfangreiche Tests mit Echtzeitdaten haben gezeigt, dass solche Einbrüche der Industrieproduktion frühzeitig einen Rückgang des BIP widerspiegeln. Auf dieser Basis lässt sich mit dem vom IMK verwendeten nichtlinearen Probit-Modell frühzeitig kalkulieren, ob die folgenden ein bis drei Monate mit hoher oder niedriger Wahrscheinlichkeit Teil einer Rezession sein werden. Damit schließt der IMK-Indikator eine Lücke: Bislang ließ sich eine Rezession - definiert als BIP-Rückgang in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen - nicht hinreichend zeitnah prognostizieren, weil Daten zur BIP-Entwicklung erst mit mehreren Monaten Verzögerung vorliegen.
Der aktuelle Indikator vom Januar weist die Rezessionswahrscheinlichkeit bis März aus. Die Werte liegen bei 19,7 % für Januar (grün), 41,6 % für Februar (gelb) und 9,5 % für März (grün). "Im Moment sehen wir deutlich niedrigere Prozentwerte als im vergangenen Herbst, als es in einzelnen Monaten Ausschläge bis nahe an den roten Bereich gab. Das weist darauf hin, dass sich die Situation ein wenig entspannt hat", sagt IMK-Direktor Horn. "Aber Entwarnung bedeutet es nicht: Der hektische Wechsel zwischen den unterschiedlichen Farben macht uns Sorgen. Die Konjunktur hängt weiter am seidenen Faden." Umso wichtiger sei eine Beruhigung der Krise im Euro-Raum durch klare Signale von der Europäischen Zentralbank (EZB) und von den Regierungen der Euro-Länder. "Sie müssen deutlich machen, dass sie keine Staatspleite im Euroraum zulassen werden - und dass sie nicht riskieren werden, die Konjunktur durch einen überzogenen Sparkurs noch weiter zu schwächen", sagt Horn.
Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf